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„Kinder werden heute vielfach als Projekt gesehen“


Interview mit Albert Wunsch, Regina Hartleb, Redakteurin für Kultur und Wissenschaft stellte die Fragen

Veröffentlicht im Wochenend-Magazin der Rheinischen Post am 14/15 März 2026 und der Rubrik „Der Sonntag“ am 08.März. 2026


Der Sozialpädagoge, Erziehungswissenschaftler und Bestsellerautor spricht über die Irrtümer und Versäumnisse moderner Eltern, gesellschaftliche Veränderungen. Und er gibt konkrete Tipps für den Familienalltag.


Bereits vor 25 Jahren mahnte der Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch vor den Folgen der Maxime „alles haben, alles dürfen, alles wollen“ – aus seiner Sicht eine virale Entwicklung. Sein Buch „Die Verwöhnungsfalle“ wurde ein Bestseller, es erschien sogar in China und Südkorea. Seit her hat Wunsch sich mit Tausenden Eltern, Erziehungsfachkräften sowie Lehrenden über dieses Thema ausgetauscht.


Herr Wunsch, Sie beraten Erzieher, Eltern, Pädagogen und Kita-Mitarbeitende seit über 25 Jahren. Haben sich deren Probleme über die Jahre verändert?

WUNSCH Die klassischen Probleme in der Erziehung in den einzelnen Entwicklungsphasen sind natürlich geblieben. Also etwa die Kleinkinder-Probleme wie das Haben-Wollen, die Trotzphase und so weiter. Auch die typischen Probleme und Konflikte mit den Erwachsenen in der Pubertät sind geblieben. Was sich geändert hat, ist der Umgang damit.


Inwiefern? Wo sind wir als Gesellschaft ihrer Meinung nach falsch abgebogen?

 WUNSCH Kinder werden heute vielfach von den Eltern als Projekt gesehen, nach dem Motto: „Mein Haus, mein Auto, mein Kind.“ Mit dem Ergebnis, das sie alles, was das Kind tut oder lässt, auch auf sich beziehen und sich damit identifizieren. Das Kind schreibt eine Fünf, und ich fühle das mit. Das Kind baut Mist bei den Nachbarn, und ich schäme mich. Warum eigentlich? Eltern sollten die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Kinder die Wirkung ihres Verhaltens selbst spüren. Hinzukommt, dass sich auch die Gesellschaft verändert hat. Frauen sind zu nehmend berufstätig, aber nicht mit dem Ergebnis, dass die Väter diese Erziehungslücke füllen. So ist oftmals ein großes Loch entstanden. Viele Kinder sind heute häufig emotional verwahrlost und dabei materiell zum Teil überversorgt.


Lassen Eltern heute zu vieles einfach laufen?

WUNSCH Ich meine ja. Jede Gefühlsäußerung wird heute als etwas Positives gesehen. Wenn etwa ein zweieinhalbjähriger Sohn den Vater jeden Morgen zum Abschied im Kindergarten vors Schienbein tritt, sollte er dies nicht einfach so geschehen lassen, nach dem Motto: „Er meint das nicht so“. Das geht einfach nicht. Eine antiautoritäre Erziehung hat häufig dazu geführt, dass Eltern heute hilflos vor ihren 14-jährigen Kindern stehen und einerseits nicht wissen, mit ihnen umzugehen ist, und sich andererseits wundern, warum sie nicht selbstständige Jugendliche sind.


Aber die autoritäre Erziehung von früher, in denen Kinder gar nichts zu sagen hatten, war auch alles andere als ideal.

WUNSCH Es geht darum, die Balance zu finden. Eltern müssen Grenzen aufzeigen und Ziele umreißen. Natürlich nicht als totale Einengung, sondern als Verdeutlichung für wichtige Lebensentscheidungen, um so Orientierung und Stabilität zu bieten. Oft beobachte ich, dass ihnen die Resilienz fehlt, kindlichen Gegenwind auszuhalten. Aber nur konsequentes und klares Aufzeigen oder Zulassen von Grenzen ermöglicht Orientierung. Kinder brauchen diese Reibefläche für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Dies auszuhalten, am besten mit einer Portion Gelassenheit, dafür fehlt vielen Eltern heute die Stabilität. Sie machen sich zu Tanzbären ihrer Kinder.


Sind immer die Eltern das Problem?

WUNSCH Meiner Erfahrung nach meistens schon. Bei den Kindern ist der Startpunkt in den einzelnen Entwicklungsphasen derselbe wie früher. Aber bei den Eltern hat sich der Reaktionspunkt verlagert. Zwar haben viele begriffen: Gewalt ist keine Lösung, und barsche Anordnungen sind dies ebenso wenig. Und das ist gut so. Aber sie haben kein Äquivalent gelernt. Und sie erklären und diskutieren zu viel. Wenn ich meinem Kind 20mal vergeblich sage, dass es Hausaufgaben machen muss, macht das keinen Sinn. Eine klare und nachvollziehbare Aussage müsste genügen.


Was schlagen Sie als Lösung vor?

WUNSCH Beispiel Hausaufgaben: Wenn das Kind sagt: Ich habe keine Lust. Dann kann ich als Mutter oder Vater zum Beispiel fragen: Wenn ich demnächst auch mal keine Lust habe, das Abendessen zu machen, willst du das dann übernehmen? So lernt das Kind: Ab und an muss jeder auch mal Dinge machen, die keinen Spaß bereiten.


Eltern sollten ihren Kindern den Spiegel vorhalten, indem sie deren Argumente nutzen?

WUNSCH Ja genau, zum Beispiel durch das Einbringen folgender Idee. Vater oder Mutter sagen: Machen wir doch ein Experiment – du machst deine Hausaufgaben, ich das Abend essen. Und danach erzählen wir uns, ob das mit oder ohne Lust besser ging? Aber gerade für solche Ideen fehlt es Eltern oft an Kreativität. Das Bestimmen, Diktieren, wie das die älteren Generationen oft praktizierte, das will meist niemand übernehmen. Aber das Laufenlassen ist keine Alternative. Und mit den sogenannten sozialen Medien ist natürlich ein großes Problem dazugekommen.


Dieses Rad lässt sich wohl kaum zurückdrehen, auch nicht mit Verboten.

WUNSCH Verbote sind wirklich kein Erfolg versprechender Weg. Dabei wirkt sich der hohe Medienkonsum vieler Kinder massiv auf ihre geistige und körperliche Entwicklung aus. Eine britische Studie mit 4700 Familien hat gerade erst gezeigt, dass 98 Prozent der Zweijährigen täglich vor einem Tablet sitzen, und zwar 127 Minuten am Tag. Diese Reizüberflutung in so frühem Kindesalter ist nachweislich total schädlich für die Entwicklung.


Und jetzt kommt auch noch KI…

WUNSCH KI ist aus meiner Sicht weniger problematisch, weil der Kipppunkt schneller kommt. Denn wenn der Überprüfaufwand beim Abfassen einer Hausarbeit größer ist, als eigene Gedanken zu formulieren, dann ist der zeitliche Nutzen schnell dahin. Unabhängig von solchen Einsatzfeldern bietet KI ja auch viele sinnvolle und zeitsparende Nutzungsfelder. Ergänzend sehe ich beim Einsatz von KI nicht ein so zerstörerisches Suchtpotenzial.


Heute gibt es an nahezu jeder Grundschule Schulbegleiter für Kinder mit Problemen. Hätte man die früher auch schon gebraucht?

WUNSCH Früher gab es eher Kinder, die wegen eines Handicaps oder nach einer Krankheit Hilfe im Schulalltag benötigten. Heute haben wir viel mehr sozial unterentwickelte Kinder. Ich finde es gut, dass der oder die Schulbegleiter/in hier intensiv unterstützen kann. Was oft fehlt, ist ein verbindlicher Kontakt mit den Eltern, weil es nur Sinn macht, wenn diese mitwirken.


In Ihrem Buch „Die Verwöhnungsfalle“ heißt es: „Der Sozialstaat wird asozial und verwöhnt seiner Bürger.” Wie meinen Sie das?

Ich beobachte: Der Staat springt oft viel zu schnell ein. Je unfähiger Einzelne sich verhalten und je weniger sie einbringen, je intensiver übernimmt die Gesellschaft wichtige Funktionen. Eltern, deren Kinder tagsüber quasi obdachlos sind oder die kein Essen für ihre Kinder bereiten, werden durch öffentlich finanzierte Mittagstische unterstützt. Das ist kontraproduktiv, weil es keinen Anreiz für Besserung schafft. Wenn Eltern offensichtlich notwendige Aufgaben nicht erbringen und erzieherische Unterstützungsangebote nicht aufgreifen, dann ist es nicht die Aufgabe, das Fehlende selber einzubringen, sondern dafür zu sorgen, dass dieses im Rahmen der elterlichen Erziehungspflicht eingebracht wird. In Österreich etwa erfolgt eine drastische Reduzierung des Kinderbetreuungsgeldes, wenn Eltern nicht die vorgesehenen Untersuchungen beim Kinderarzt wahrnehmen. Das dient nicht nur dem Kindeswohl, sondern auch dem Sozialstaat. Solche Ansatzpunkte sind auszubauen.

 

Veranstaltungstip:

„Wie werden Kinder stark?“ ist das Thema einer aktuellen Vortragsreihe von Albert Wunsch. Er ist zu Gast am 26. März um 13.30 Uhr im Berufs-Bildungs-Zentrum in Grevenbroich, Bergheimerstraße 53. Am 12. April um 15 Uhr referiert er in der Citykirche Mönchengladbach. Am 15. April um 19.30 Uhr spricht er in der Kirche St. Sebastian in Hülchrath



 
 
 

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