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Ideologie hat in der Schule nichts zu suchen


Interview mit Sylvia Pantel


Sylvia Pantel war von 2013 bis 2021 für die CDU-Mitglied des Deutschen Bundestages. Ihr

besonderes Augenmerk galt immer der Bildungspolitik. Im Interview mit Uwe Strachau erläutert sie, was im deutschen Bildungs­system ihrer Meinung nach schiefläuft.


Frau Pantel, was läuft falsch im deutschen Bil­dungssystem?

Das Problem fängt bereits in der Grundschule an. Früher war es so, dass, bevor ein Kind in die Schule kam, untersucht wurde, ob bestimmte motorische, geistige und sprachliche Voraussetzungen erfüllt sind. War das nicht der Fall, kam das Kind in einen sogenannten Schulkindergarten und es gab ent­sprechende Förderangebote. Dafür haben wir heute kein Geld mehr. Es kommen also alle Kinder im schulpflichtigen Alert in die Schule, egal, ob sie die nötigen Voraussetzungen erfüllen oder nicht. Wir haben viel zu große Klassen. Hinzu kommt, dass durch rot-grüne Ideologie nach dem Motto "Jedes Kind kann alles" im Zuge der Inklusionspo­litik die Förderschulen abgeschafft wurden. Jeder weiß, dass jedes einzelne Kind, ob hochbegabt oder weniger begabt, individuelle Förderung braucht. Wir haben jetzt das Problem, dass man keinem Kind so richtig gerecht werden kann, weil die Rah­menbedingungen so schlecht sind.

Hinzu kommt, dass viel zu viel herumexperimentiert wurde, wie zum Beispiel beim Schreiben nach Gehör, dass Noten abgeschafft wurden und keiner mehr sitzen bleibt. Leistungsnachweise wie Klassenarbeiten wurden, immer weiter reduziert. Fordern und Fördern steht zwar auf dem Papier, findet aber nicht statt. Wozu das alles führt, sehen wir an den erschreckenden Ergebnissen der ver­schiedenen Vergleichsstudien.


Welche Rolle spielt dabei die deutsche Sprache?

Neben den geistigen Fähigkeiten ist für mich die wichtigste Voraussetzung das Beherrschen der deutschen Sprache. Wenn ein Kind nicht in der Lage ist, dem Unterricht zu folgen, weil es nicht versteht, was der oder die da vorne sagt, führt das zu Frust, Missverständnissen und Gewaltbereit­schaft. Das betrifft aber nicht nur die sprachlichen Defizite, sondern auch die geistigen. Beherrscht ein Kind die deutsche Sprache nicht, wenn es ein­geschult wird, gibt es zwei Möglichkeiten: ent­weder lässt man es ganz normal mit den anderen Schülern am Unterricht teilnehmen, oder man richtet Sonderklassen ein, in der es erstmal richtig Deutsch lernt. In NRW finanzieren wir den mut­tersprachlichen Ergänzungsunterricht, obwohl es zu wenig Geld und nicht genug Lehrer gibt. Bevor wir das machen, sollten wir diesen Kindern, damit sie eine Chance haben - und wir wollen, dass alle Kinder eine Chance haben - Deutsch, Deutsch und nochmal Deutsch beibringen.

Es sollte auch verboten werden, auf dem Schul­hof eine andere Sprache als Deutsch zu sprechen. Das führt zu Gruppenbildung und Ausgrenzung.


Die sprachlichen Defizite besonders der Kinder mit Migrationshintergrund haben die Probleme sicher verschärft. Aber gab es nicht auch vorher schon andere schwerwiegende Probleme?

Ein großer Fehler war für mich die Abschaffung der Noten. Man hat nicht mehr auf Leistung gesetzt. Dadurch konnten die Kinder kaum noch die Er­fahrungen von Erfolg und Misserfolg machen. Das halte ich aber für enorm wichtig. Eine klare Beno­tung ist auch für die Lehrer von Vorteil. Sie müssen keine Wortfindung für ellenlange Beurteilungen betreiben, und auch für eher bildungsferne Eltern sind klare Noten besser verständlich. Alle wissen, wo das Kind steht, und bei Defiziten kann ent­sprechend geholfen werden.

Den Lehrern wurde zudem immer mehr Bürokratie aufgehalst, sie wurden mit den zunehmend auf­tretenden gesellschaftlichen Problemen komplett 9 .1.23

alleingelassen, sogar bei dem immer größer wer­denden Problem gewaltbereiter Jugendlicher.


Ein großes Thema ist auch die Digitalisierung in Schulen. Wie stehen Sie dazu?

Grundsätzlich bin ich ein Freund der Digitalisie­rung, aber alles zu seiner Zeit. Erst müssen die Kinder lesen, schreiben und rechnen können. Ich selbst habe dafür gesorgt, dass an zwei Hauptschu­len die Lehrer entsprechend ausgebildet wurden und die Schüler ihr eigenes iPad bekommen haben. Es ist wichtig, dass auch Kinder aus bildungsfernen Hauhalten Zugang zu allen wichtigen Informati­onen haben und sich Wissen zugänglich machen können. Man muss aber auch die Gefahren be­rücksichtigen, zum Beispiel die Möglichkeit, sich die Hausaufgaben von anderen machen zu lassen und ähnliche Dinge. Es darf auch nicht vernach­lässigt werden, dass wir erst unseren Kopf schulen müssen, bevor wir glauben, dass diese kleinen Ap­parate einen Lehrer ersetzen können.

Was wir in der schulischen Bildung auch komplett vergessen haben, ist, dass die Bindung eines Schü­lers an seinen Lehrer unheimlich wichtig ist. Kinder lernen in den ersten Jahren für Mama und Papa oder für den Lehrer. Das heißt, Bindung kommt vor Bildung. Das alles haben wir in den letzten Jahren ganz schön vernachlässigt.


Wie kann es sein, dass in einem Land wie Deutsch­land, in der Bildung als der wichtigste Rohstoff be­zeichnet wird, schon seit Jahrzehnten in dieser Art mit dem Thema umgegangen wird?

Wir haben es zugelassen, dass Bildungspolitik ideo­logisch besetzt wird. Diese Ideologie steht dafür, dass jedes Kind alles kann und jedes Kind zum Gym­nasium gehen können muss - das ist doch irre. Wir haben eine Übergangsquote zum Gymnasium von 43,6 Prozent, und 55 Prozent davon schaffen es nicht. Wir haben alle relevanten Zahlen, sind aber nicht bereit, daraus die entsprechenden Schlüsse zu ziehen. Ich bin sehr dafür, dass man nach der Grund­schule prüft, welche Schulform die beste für das je­weilige Kind ist. Mit der ideologiegeprägten koope­rativen Gesamtschule und der Inklusion hat sich die Bildungslandschaft nicht verbessert, sondern eher verschlechtert. Man war für die "Eine Schule für alle", weil man keinem Kind sagen wollte "Du schaffst das Gymnasium nicht".

Es sind aber nicht alle Menschen gleich, und auch ein Handwerker ist nicht minderwertig, wie es in rot-grünen Kreisen gesehen wird. Wir brauchen auf allen Ebenen zufriedene junge Leute, aber die haben wir nicht. Man ist aber auch nicht bereit, die Dinge beim Namen zu nennen. Ein weiteres Feld, auf dem ich mich gerade sehr engagiere, ist die Frühsexualisierung unserer Kinder. Es ist ein Ver­brechen, was da gerade passiert. Queere Ideologie muss schon in die Köpfe der Kinder hinein, denn Lesen, Schreiben und Rechnen ist ja Nebensache, könnte man meinen. Dieser ideologische Weg hat zu den entsprechenden Ergebnissen geführt, und ich halte ihn für völlig falsch.

Die Abbrecherquote an den Universitäten liegt bei 35 Prozent, an den Fachhochschulen bei 27 Prozent.

Wir haben also ganz viele Kinder an den Gymna­sien, die dort eigentlich nicht hingehören, die peit­schen wir durch die Schule, prügeln sie zum Abitur, und mit 24 merken sie dann, dass sie das Studium nicht schaffen. Dabei geht so viel wertvolle Lebens­zeit verloren.


Wo würden Sie als Erstes ansetzen, wenn Sie die Möglichkeit hätten, an unserem Bildungssystem etwas zu verändern?

Ich würde zuallererst dafür sorgen, dass Kinder, die Sprachdefizite haben, sprachlich fit gemacht werden, um den Ansprüchen zu genügen und etwas lernen können. Alle Kinder sollten auf deutschen Schulen die Möglichkeit haben, etwas zu lernen. Ich habe großes Verständnis, dass Eltern mit den entsprechenden finanziellen Möglichkeiten, ihre Kinder auf Privatschulen schicken, wenn sie sich sorgen, dass die Kinder an öffentlichen Schulen zu wenig lernen. Ich würde die Schulen besser ausstat­ten, die Lehrer nicht mit Bürokratie überfrachten, Ideologie aus den Schulen heraushalten - die hat dort nichts zu suchen -, damit jedes Kind die Mög­lichkeiten erhält, seinen Fähigkeiten entsprechend etwas Ordentliches zu lernen. Wir müssen wieder lernen, Zahlen und Ergebnisse zu analysieren. Die Lehre muss in diesen Prozess mit einbezogen werden und muss ihre Erfahrungen und Erwar­tungen artikulieren. Ich würde versuchen, Eltern klarzumachen, dass das Abitur nicht der alleinige Maßstab für den Bildungserfolg ist und jemand, der ein ordentliches Handwerk erlernt hat, einen Betrieb führt, Mitarbeiter führt, nicht weniger wert ist.

Wir haben mittlerweile über 200 Genderlehrstühle an den Hochschulen. Der Genderwahn wird in die Betriebe hineingetragen und behindert dort die Pro­zesse, ohne uns als Industrieland - noch sind wir das ja - weiterzubringen. Wir brauchen mehr Na­turwissenschaft und keinerlei Ideologie. Wenn ein Mädchen Krankenschwester oder Erzieherin werden will, ist das völlig in Ordnung, und wenn ein Junge Ingenieur werden möchte, ist das auch gut.

Last but not least sollten wir wieder mehr darauf schauen, was andere vielleicht besser machen. Wenn fast 24 Prozent der Kinder nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können, Länder wie Sachsen, Thüringen und Bayern bei Tests aber regelmäßig am besten abschneiden, sollten wir schauen, was machen die anders und besser. Nur so lässt sich unser Bildungssystem auf Dauer verbessern.

























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