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Die Noteninflation galoppiert – Nun soll das Abitur nochmal leichter werden

Gastautor Josef Kraus


Die immer besseren Noten der Abiturienten in Deutschland können nicht verdecken, dass die tatsächliche Leistungsfähigkeit deutscher Absolventen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich schwächer geworden ist. Das zeigt auch ein jetzt bekannt gewordener Vergleich mit Indien. Dass Deutschland für Armutszuwanderer ungebrochen attraktiv ist, belegen die Asyl-Zahlen. Doch für Fachkräfte und angehende Unternehmer ist Deutschland unattraktiv, wie eine aktuelle Studie zeigt.


Der Paderborner Mathematikprofessor Bernhard Krötz hat ein Sakrileg begangen. Er hat anhand eines Vergleichs der Mathematikleistungen deutscher und indischer Schüler nachgewiesen, dass sich das mit immer besseren Noten ständig schöngerechnete deutsche Bildungswesen seit 50 Jahren im Sinkflug befindet. Krötz belegt zum Beispiel, dass deutsche Studenten der Mathematik und der Naturwissenschaften kaum in der Lage wären, die in Indien üblichen 6-Stunden-Tests in den Fächern Mathematik, Physik und Chemie für den Zugang zur Universität (Joint Entrance Exam – JEE) zu bestehen.

Das heißt zum Beispiel konkret: Indische Schüler müssen im Test unter größtem Zeitdruck mit anspruchsvollen Aufgaben aus den Bereichen Trigonometrische Funktionen sowie deren Ableitungen und Umkehrungen oder mit komplexen Zahlen umgehen. In Indien ist das wohlgemerkt ein Anspruch an Schüler, die in Klassen mit 70 bis 100 Schülern 40 Wochenstunden Unterricht hinter sich haben. Im Vergleich dazu seien deutsche Studenten selbst nach universitären Brückenkursen mathematische Analphabeten, so Krötz.

Krötz geht noch weiter: Anhand eines Vergleichs der Mathe-Kenntnisse von heutigen Lehramtsstudenten des Faches Mathematik für Realschulen zeigt er, dass diese zum größten Teil nicht in der Lage wären, Mathe-Aufgaben zum Realschulabschluss des Landes Baden-Württemberg aus dem Jahr 1971 zu bewältigen.

Vorgenommen hat sich Krötz gerade im Vergleich mit den Mathe-Anforderungen in Indien den Entwurf eines 36-seitigen „Kernlehrplans Mathematik für die Sekundarstufe II“ des Landes NRW (Fassung vom 23. Januar 2023). Der Paderborner Mathe-Professor hält diesen Lehrplanentwurf für dermaßen anspruchslos, dass man in Indien nur darüber lachen würde. Mehr noch: Krötz sagt, bei diesem Lehrplan seien „Ideologen am Werk“.

Bernhard Krötz hat Recht, Seite 12 des NRW-Lehrplanentwurfes bestätigt dies. Dort heißt es unter anderem:

Quelle: Kernlehrplan für die Sekundarstufe II Gymnasium / Gesamtschule in Nordrhein Westfalen, Mathematik (Entwurf Verbändebeteiligung, 23.01.2023)


Wie bitte!? Da fehlt eigentlich nur noch das Schuldbekenntnis der Mathematik, dass diese ja rassistisch sei, weil sie von den alten weißen Griechen komme. Nach einem Bildungsziel wie dem folgenden sucht man im Lehrplanentwurf indes vergeblich: „Fähigkeit, manipulierte Statistiken und Schaubilder der Politik und der Medien zu entlarven“. Klar, das kann man nur, wenn man mathematisch solide, aber nicht pseudo-mathematisch auf „woke“ getrimmt ist.


Jetzt noch mehr Erleichterungen bei Schulabschlüssen

Nun wollen 14 von 16 Bundesländern die Abschlussprüfungen an Haupt-, Real-, Gesamt- und Berufsschulen sowie Gymnasien nochmals erleichtern. Nur Rheinland-Pfalz schert aus, und Hessen denkt noch nach. Begründung: Corona!


BILDUNGSABSCHLÜSSE WERDEN ENTWERTET

Konkret heißt das: Noch mehr Zeit oder mehr Aufgaben zur Auswahl. Berlin, Brandenburg, Bremen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein haben beschlossen, bei schriftlichen Prüfungen 30 Minuten zusätzliche Zeit zu gewähren. Bayern schränkt wie in den vergangenen Jahren die Inhalte für die schriftlichen Prüfungen ein, gewährt aber keine zusätzliche Zeit. In Nordrhein-Westfalen werden lediglich die Prüfungen in Mathematik durch eine erweiterte Aufgabenauswahl und eine Zeitzugabe von 30 Minuten angepasst. Niedersachsen will die von der Kultusministerkonferenz vereinbarten Spielräume ebenfalls nutzen und arbeitet noch an Details. Baden-Württemberg, Sachsen, Hamburg, das Saarland und Thüringen wollen die Prüfungen noch einmal mit ähnlichen Erleichterungen wie 2021 und 2022 vornehmen.

Dann heißt es seitens der Kultusministerkonferenz (KMK) auch noch: Die Bundesländer hätten in diesem Jahr zum letzten Mal die Möglichkeit, Erleichterungen in Umfang und Prüfungsdauer zu erlassen, um die Unterrichtsausfälle während der Corona-Pandemie auszugleichen. Nur, das glaubt doch keiner. Hier gilt, was eine uralte Erfahrung ist: Erleichterungen fängt man nicht mehr ein.

Die Noteninflation wird sich indes fortsetzen. Zuletzt hatten wir je nach Bundesland Abiturdurchschnitte zwischen Note 2,1 und 2,4! Durchschnitte! Früher war die Note 2,1 ein Spitzenabitur. Heute ist das Mittelmaß, weil rund die Hälfte besser abschneidet. Zugleich hat sich der Anteil der „Einser“-Abiturienten in manchen Bundesländern vervielfacht. Das Abitur wurde zur Discounterware, weil es nur noch Studierberechtigung, aber immer seltener Studierbefähigung attestiert. Das Abitur – so stolz Eltern hier auf ihre Sprösslinge sein mögen – wurde mehr und mehr zum ungedeckten Scheck. Schuld ist eine populistisch-gefällige Bildungspolitik, die nicht erkennen will, wie sie Deutschlands Zukunft damit verspielt.

























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