PISA ist ein Staatsversagen und Jungen zahlen einen besonders hohen Preis
Autorin: Sylvia Pantel, Geschäftsführerin der Stiftung für Familienwerte
Die neuen PISA-Ergebnisse sind kein Betriebsunfall. Sie sind das Ergebnis einer Bildungspolitik, die seit Jahren dieselben Warnsignale hört, aber zu selten die notwendigen Konsequenzen zieht. Deutschland steht erneut vor einem ernüchternden Befund. Zu viele Jugendliche verlassen die Schule ohne ausreichende Grundlagen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Bereits PISA 2022 markierte in Deutschland in allen drei Bereichen den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 2000: 475 Punkte in Mathematik, 480 Punkte im Lesen und 492 Punkte in den Naturwissenschaften.
Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse von PISA 2025 bestätigen, dass die grundlegenden Herausforderungen keineswegs überwunden sind. Gut ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler verfügt nicht über grundlegende Kompetenzen, etwa beim Lösen alltagsnaher mathematischer und naturwissenschaftlicher Probleme oder beim Entnehmen wichtiger Informationen aus Texten. Das ist kein Versagen der Kinder. Es ist ein Versagen eines Staates, der seit Jahrzehnten Studien veröffentlicht, Expertengremien einsetzt und Reformen ankündigt, aber die Ursachen zu selten entschlossen angeht.
Wenn es nicht die Eltern gäbe, die sich tagtäglich um ihre Kinder kümmern, mit ihnen lesen, üben, sie motivieren und dort auffangen, wo Schule versagt, wären die Ergebnisse vermutlich noch dramatischer. Gerade Elternhäuser leisten oft einen Teil der Bildungsarbeit, den das öffentliche System nicht zuverlässig genug erbringt. Doch Bildungschancen dürfen nicht davon abhängig sein, wie viel Zeit, Kraft, Geld und Vorwissen Eltern mitbringen. Ein leistungsfähiger Staat muss jedem Kind eine verlässliche Grundlage bieten.
Studien zeigen seit Jahren dasselbe Ich habe viele Jahre in der Bildungspolitik gearbeitet. Bis heute ärgert mich, wie wenig aus den Ergebnissen zahlreicher Bildungsstudien tatsächlich gelernt wird. Seit mehr als zwei Jahrzehnten sehen wir wiederkehrende Muster, schwache Basiskompetenzen, große soziale Unterschiede, überlastete Lehrkräfte, Unterrichtsausfall und zu wenig individuelle Förderung. Besonders unbequem ist ein Befund, über den viel zu selten offen gesprochen wird. Jungen und junge Männer gehören in weiten Teilen des Bildungssystems zu den Verlierern. Das bedeutet nicht, Mädchen gegen Jungen auszuspielen. Im Gegenteil, dass Mädchen heute gute Bildungschancen haben und diese entschlossen nutzen, ist eine große zivilisatorische Errungenschaft. Aber gute Bildungschancen müssen für beide Geschlechter gelten. Unser Land braucht die Fähigkeiten, die Kreativität und die beruflichen Kompetenzen aller Kinder, nicht nur die einer Hälfte. PISA 2022 machte bereits die Unterschiede der Jungen sichtbar, sie lagen in Deutschland in Mathematik im Durchschnitt um 11 Punkte vor Mädchen. Im Lesen lagen Mädchen dagegen um 20 Punkte vor Jungen; in den Naturwissenschaften gab es keinen statistisch signifikanten Unterschied. Besonders kritisch ist der Anteil der leistungsschwachen Jugendlichen. Beim Lesen erreichten 29 Prozent der Jungen die Mindestanforderungen nicht, gegenüber 22 Prozent der Mädchen. Wer diese Zahlen ernst nimmt, kann nicht behaupten, das Bildungssystem fördere alle Gruppen gleichermaßen wirksam.
Lesen entscheidet über Bildungswege Die Krise beginnt nicht erst mit 15 Jahren. Sie zeigt sich bereits in der Grundschule. Die IGLU-Studie 2021 hat festgestellt, dass 25 Prozent der Viertklässlerinnen und Viertklässler in Deutschland nicht den Mindeststandard beim Lesen erreichen, den sie für den weiteren Bildungsweg benötigen. 2016 lag dieser Anteil noch bei 19 Prozent, im Jahr 2001 bei 17 Prozent. Wer am Ende der Grundschule nicht sicher lesen und Texte verstehen kann, startet mit einem schweren Nachteil in nahezu allen Fächern. Lesen ist keine Nebensache. Lesekompetenz entscheidet über Erfolg in Geschichte, Biologie, Mathematik, Politik, Ausbildung und Beruf. Sie entscheidet darüber, ob ein junger Mensch Informationen einordnen, Verträge verstehen, Nachrichten bewerten und selbstständig lernen kann.Jungen schneiden im Lesen seit Jahren schlechter ab als Mädchen. Das darf nicht folgenlos bleiben. Natürlich sind Jungen keine einheitliche Gruppe und Mädchen ebenfalls nicht. Aber Unterrichtsmaterialien, Lernmethoden und schulische Angebote müssen Kinder mit unterschiedlichen Interessen und Zugängen erreichen. Wer Jungen für das Lesen gewinnen will, sollte auch Themen anbieten, die viele von ihnen ansprechen: Abenteuer, Technik, Sport, Handwerk, Natur, Wissenschaft, Wettbewerb, Geschichte und spannende Konflikte. Leseförderung darf nicht an der Lebenswelt eines Teils der Kinder vorbeigehen.
Männliche Vorbilder fehlen Ein weiterer Punkt wird in der Debatte oft unterschätzt: Jungen erleben besonders in der Grundschule immer seltener männliche Lehrkräfte und Bezugspersonen. Das bedeutet nicht, dass Lehrerinnen weniger kompetent wären, das sind sie ausdrücklich nicht. Kinder profitieren von unterschiedlichen Persönlichkeiten, Erfahrungen, Kommunikationsformen und Vorbildern. Gerade Jungen brauchen in ihrer prägenden frühen Schulzeit Männer, die Bildung, Verlässlichkeit, Leistung und Verantwortungsbewusstsein glaubwürdig verkörpern. Wo männliche Vorbilder fehlen, geht ein Teil dieser Identifikationsmöglichkeiten verloren. Bildungspolitik muss deshalb gezielt mehr Männer für den Grundschulbereich gewinnen, ohne die Arbeit der vielen engagierten Lehrerinnen abzuwerten.
Bewegung ist keine Nebensache Viele Jungen haben einen ausgeprägten Bewegungsdrang. Das ist kein Fehler, den Schule wegdisziplinieren sollte, sondern eine pädagogische Realität, auf die Schule reagieren muss. Wer Kinder über Stunden stillsitzen lässt, Pausen verkürzt und gleichzeitig Sportstunden ausfallen lässt, darf sich über Unruhe, Konzentrationsprobleme und fehlende Motivation nicht wundern. Bewegung, Sport und praktische Lernformen sind keine Extras. Sie fördern Gesundheit, Konzentration, Selbststeuerung, Teamfähigkeit und Leistungsbereitschaft. Ein Unterricht, der Bewegung stärker integriert, hilft nicht nur Jungen. Er hilft vielen Kindern. Dennoch trifft der Mangel an Bewegung gerade Jungen häufig besonders stark. Statt Kinder immer weiter zu verwalten, brauchen wir eine Schule, die ihnen zutraut, etwas zu können: praktisch arbeiten, Verantwortung übernehmen, im Wettbewerb bestehen, sich anstrengen und sichtbare Ergebnisse erzielen.
Differenzierung statt Gleichmacherei Die Vorstellung, Gerechtigkeit entstehe dadurch, dass alle Kinder möglichst gleichbehandelt werden, hat sich als Irrweg erwiesen. Kinder sind verschieden: in ihren Interessen, ihrem Lerntempo, ihren Stärken, ihren familiären Voraussetzungen und ihren Entwicklungsphasen. Eine Schule, die diese Unterschiede ignoriert, schafft nicht automatisch Chancengleichheit. Sie produziert häufig Überforderung – bei Kindern ebenso wie bei Lehrkräften. Wir brauchen daher mehr Binnendifferenzierung, kleinere und besser unterstützte Lerngruppen sowie eine klare Orientierung an den tatsächlichen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler. In einzelnen Fächern oder Entwicklungsphasen kann auch zeitweise nach Geschlecht getrennter Unterricht sinnvoll sein, wenn dies pädagogisch begründet, freiwillig und professionell umgesetzt wird. Entscheidend ist nicht das ideologische Etikett, sondern die Frage. Was hilft dem einzelnen Kind, besser zu lernen?
Berufliche Bildung endlich aufwerten Ein weiterer Fehler der vergangenen Jahre liegt in der einseitigen Fixierung auf das Abitur. Das Abitur ist ein wichtiger Abschluss. Aber es darf nicht zum alleinigen Maßstab für Erfolg werden. Wer den Eindruck vermittelt, nur der akademische Weg sei gesellschaftlich wertvoll, schwächt die berufliche Bildung und damit einen der größten Standortvorteile Deutschlands. Unsere duale Ausbildung eröffnet jungen Menschen hervorragende Perspektiven. Sie führt zu qualifizierten Berufen, zu Meister und Technikerausbildungen, zu berufsbegleitenden Studiengängen und zu verantwortungsvollen Fach- und Führungspositionen. Gerade Jungen, deren Stärken oft im technischen, handwerklichen oder praktischen Bereich liegen, brauchen diese realistischen und anerkannten Wege zum Erfolg. Es geht nicht darum, Kindern Bildungswege vorzuschreiben. Es geht darum, alle Wege gleichwertig zu behandeln. Ein guter Facharbeiter, ein Meister, ein Techniker oder ein Ingenieur ist kein Bildungsgewinner zweiter Klasse. Deutschland braucht diese Menschen dringend.
Was jetzt geschehen muss Die PISA-Ergebnisse verlangen mehr als Betroffenheit und neue Schlagworte. Sie verlangen eine ehrliche Bestandsaufnahme und konkrete Konsequenzen:
Die Basiskompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen müssen von der Grundschule an Vorrang haben.
Leseförderung muss Interessen und Lebenswelten von Mädchen und Jungen gleichermaßen berücksichtigen.
Grundschulen müssen gezielt mehr männliche Lehrkräfte gewinnen.
Sportunterricht und tägliche Bewegung müssen zuverlässig stattfinden, statt regelmäßig auszufallen.
Lehrkräfte brauchen mehr Unterstützung für individuelle Förderung und echte Binnendifferenzierung.
Schulen müssen wieder ruhige, klare und leistungsorientierte Lernorte werden.
Berufliche Bildung muss gesellschaftlich, politisch und europäisch endlich gleichwertig anerkannt werden.
Eltern müssen als wichtige Partner gestärkt werden, ohne dass der Staat seine Verantwortung auf sie abwälzt.
Die gegenwärtigen PISA-Ergebnisse sollten niemanden überraschen. Sie sind das Resultat jahrelangen Wegsehens und einer falschen Prioritätensetzung. Deutschland darf nicht weiter akzeptieren, dass ein erheblicher Teil seiner Jugendlichen grundlegende Kompetenzen nicht erreicht und dass Jungen im Bildungssystem in zentralen Bereichen besonders häufig zurückbleiben. Ein Land, das seine Kinder nicht zuverlässig lesen, rechnen und lernen lehrt, verspielt Zukunft. Ein Land, das seine Jungen dabei strukturell aus dem Blick verliert, verschenkt zusätzlich Talente, die wir als Facharbeiter, Handwerker, Techniker, Ingenieure, Unternehmer und verantwortungsbewusste junge Männer dringend brauchen.
Bildungspolitik muss endlich wieder den Mut haben, nicht nur über Chancen zu reden, sondern Leistung zu ermöglichen, für jedes Kind. Abschließend zeigen die Studien, dass die Schule für Alle und die Bildungsreformen der letzten Jahre nicht erfolgreich waren.




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