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Plädoyer für eine gerechtere Arbeitsentlohnung von Frauen

Der Artikel ist dem Magazin "Tichys Einblick" vom 16.04.2024 entnommen.

Autor : Dr. Albert Wunsch


Wie das ‚Netzwerk für Sozialforschung’ am 6. März 2024 meldete, hat eine Gruppe von Wissenschaftlern zum Thema Altersarmut herausgefunden, dass 65-Jährige viel weniger als 50-Jährige verdienen. Ihr monatlicher Bruttoverdienst liege recht weit abgeschlagen von dem der Vergleichsgruppe. Das ist Altersdiskriminierung pur. – Mit dieser Einlassung begann ich am Weltfrauentag meine Vorlesung im Modul: „Einführung in die Sozialpsychologie“. Folgende Fragen sollten nun geklärt werden.


-Wie ist dieses Untersuchungs-Ergebnis zu erklären?•

-Welche gesellschaftspolitische Relevanz hat dieses Forschungsergebnis?•

-Was hat dieses Forschungsergebnis mit dem Weltfrauentag zu tun?


Nach einer kurzen Denkpause kam als Erstes die Frage, ob es sich beim ‚Verdienst‘ der 65-Jährigen um die monatlich verfügbaren Geldmittel – wie Rente, Pension, Bürgergeld bzw. andere Einkünfte – oder wirklich um eine Entlohnung aus Erwerbsarbeit handele? Darauf wurde eingebracht, dass, wenn es sich um den Verdienst aus Erwerbsarbeit handele, dieses Ergebnis schnell erklärbar sei, weil ein großer Teil der 65-Jährigen nur noch in Teilzeit oder als geringfügig Beschäftigte tätig sei.


Das Zwischenfazit: Entweder handele es sich bei dieser Meldung um einen vorgezogenen Aprilscherz oder das eigentliche Ziel der Forschergruppe sei die Überprüfung der Frage, wie lange es dauere, bis innerhalb der Gesellschaft bemerkt werde, wie mit klug wirkenden und an das Gerechtigkeitsgefühl appellierenden Schein-Vergleichen Politik zu machen sei.


Alle Jahre wieder – Mit schillernder Zahlen-Jonglage Emotionen aktivieren

Per Pressemitteilung Nr. 27 vom 18. Januar 2024 titelte das Statistische Bundesamt in großen Lettern: „Gender Pay Gap 2023: Frauen verdienten pro Stunde 18 % weniger als Männer.“ – „Demnach erhielten Frauen mit durchschnittlich 20,84 Euro einen um 4,46 Euro geringeren Bruttostundenverdienst als Männer (25,30 Euro).“ Diese Zahlen werden dann in der Regel von den Mainstream-Medien so übernommen, was zu einer breiten Beachtung führt. Eine Folge ist, dass sie sich besonders tief in die Köpfe vieler Frauen eingraben.


Würde es sich bei dieser im Zentrum stehenden 18-Prozent-Zahl um eine Abbildung der Wirklichkeit handeln, dann sollte sie sich nicht nur bei den Frauen, sondern genauso bei Männern ‚in die Köpfe eingraben‘, um einem solch ungerechten Entlohnungs-System den Garaus zu bereiten. – Aber diese Jahr für Jahr primär veröffentlichte und in den meisten Meldungen gezielt herausgestellte und nicht selten ausschließlich genannten Zahlen sagen fast nichts zum Kernproblem einer in verschiedenen Bereichen immer noch vorhandenen ungerechten Bezahlung der Tätigkeit von Frauen aus. Denn Entlohnungs-Ungerechtigkeiten setzen das Vorhandensein von vergleichbaren Tätigkeiten bzw. Arbeitsverhältnissen voraus.


Diese wichtige Differenzierung wird auch in der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 18. Januar 2024 – ohne eine eigene Zwischenüberschrift – in einem dritten Abschnitt aufgegriffen. Dort wird dann zwischen einem „bereinigten Gender Pay Gap“ und einem „unbereinigten Gender Pay Gap“ unterschieden. Für jene, welche den Text bis zum diesem Punkt lesen, wird dann verdeutlicht, dass nach den Kriterien des „bereinigten Gender Pay Gap“ Arbeitnehmerinnen im Durchschnitt bei vergleichbarer Tätigkeit, Qualifikation und Erwerbsbiografie im Berichtsjahr 2023 pro Stunde 6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen verdienten. Demnach sei der Unterschied zu den 18 Prozent so zu erklären, dass Frauen häufiger als Männer in Branchen, Berufen und Anforderungsniveaus arbeiten, in denen schlechter bezahlt wird. Außerdem seien sie im Gegensatz zu Männern häufiger in Teilzeit oder als geringfügig Beschäftigte tätig.


Scheingefechte mit Halb-Wahrheiten lösen meist ganze Un-Wahrheiten aus

Hier wird davon ausgegangen, dass diese Implikationen auch den Daten erhebenden Mitarbeitern beim Statistischen Bundesamt sowie etlichen Redaktionen sehr bekannt sind. Dies wirft jedoch die Frage auf, wieso ‚unbereinigte‘ Zahlen – der Volksmund könnte sie auch als unsauber oder schmutzig bezeichnen – Jahr für Jahr so in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt werden? Geht es um ein Wachrütteln um jeden Preis? Wird hier – leicht kaschiert – eine Gleichmach-Ideologie anstelle einer Gleich-Berechtigungs-Forderung vertreten? Werden stimmig wirkende und gezielt nach vorne geschobene emotionsgeladene Nachrichten als populistische Problem-Erklärung genutzt? Weshalb entwickeln die sich in Politik und Medien zum Weltfrauentag Äußernden keine kreativen Ideen zum Finden eines gleichwertigeren bzw. gerechteren Umgangs zwischen Männern und Frauen abseits von globalen Forderungen, an wen auch immer? Wird zugunsten eines politischem Aktionismus in Kauf genommen, dass solche ‚Zahlenspiele‘ dem wichtigen Anliegen auch schaden könnten? – Fakt ist, Teil-Wahrheiten bewirken oft das Gegenteil vom eigentlich Angestrebten.


Sicher werden sich Durstige über ein halbes Glas Wasser freuen, auch wenn die Menge etwas knapp ist. Jedoch löst das gezielte Weglassen oder Verschleiern von Forschungsergebnissen, Problemschilderungen oder Handlungskonzepten schnell gefährliche Situationen bzw. Reaktionen aus, wie dies zum Beispiel Anwendungen im Bereich der Chemie, Physik und Medizin belegen. Wer – aus welchen Gründen auch immer – wichtige Fakten, ob anlässlich von kriegerischen Auseinandersetzungen, sozialen Konflikten oder wirtschaftlichen Verwerfungen weglässt, äußert meist nicht etwas Unrichtiges. Aber das gezielte Ausgrenzen eines einzigen Wortes kann in kritischen Situationen irreversible Reaktionen auslösen. Auf die Gefahren zum Umgang mit ‚halben Wahrheiten‘ wies schon Theodor W. Adorno 1959 in seiner „Theorie der Halbbildung“ hin.


Folgen einer psychologischen Kriegsführung durch das Schaffen von Nebenschauplätzen

Was passiert, wenn sich diese ‚magische Zahl’‘ von aktuell 18 Prozent zu tief in die Köpfe von Frauen eingräbt, wurde schon mehrfach in den zurückliegenden Jahren in meinen Vorlesungen zum Modul „Führung und Nachhaltigkeit“ offenkundig. Beim Punkt ‚gerechte Entlohnungs-Systeme‘ befinden wir uns schnell im Themenfeld der Bezahlung von Männern und Frauen. Fast regelmäßig wird dann – häufig mit viel Vehemenz – auf die inakzeptable, schlechtere Vergütung von Frauen im Gegensatz zu Männern hingewiesen, welche so bei 20 Prozent liege.


Meine erste Reaktion: „Jeder Prozentpunkt ist einer zuviel!“ – Aber innerhalb einer Hochschule sollten wir differenzierter mit Zahlen umgehen, weil der „bereinigte Gender Pay Gap“ bei circa 6 Prozent liege. Nicht selten setzt dann heftiger Widerspruch mit folgenden Argumenten ein: Dass die Zahl von circa 20 Prozent schon stimme, wüssten alle Frauen. Es sei schwer, Frauen zu finden, die sich in der Arbeitswelt nicht benachteiligt fühlten. Daher sei es wichtig, dass jedes Jahr zum Weltfrauentag die Diskriminierung von Frauen erneut in die Öffentlichkeit getragen werde. Und die dann eingebrachte Zahl sei ja nicht aus dem Hut gezaubert worden. ‚Vielleicht können oder wollen Sie als Mann an dieses Thema nicht objektiv herangehen?‘


Meist lade ich dann dazu ein, per Smartphone auf der Seite des Statistischen Bundesamtes die Wortkombination „Gender Pay Gap“ einzugeben. Dann wären wir an der Zahlen-Quelle. Oft wird diese Anregung gezielt ignoriert. Auch ein Ausdruck der exakten Zahlen des Statistischen Bundesamtes für das jeweilige Jahr, den ich in solchen Fällen zur nächsten Vorlesung einbringe, wird meist nicht zur Kenntnis genommen. Stattdessen wird deutlich, wie an persönlichen Meinungen festgehalten wird, diese den Status von Fakten erhalten sollen und gut belegbare Fakten als persönliche Meinung eines Dozenten dargestellt werden. Da gerät gar die ehrwürdige ‚Alma Mater‘ hyperventilierend in einen Schockzustand.


Viele Frauen in Ehe und Partnerschaften verfügen über geringere finanzielle Mittel als ihre Partner. Auch wenn die Zahl von 18 Prozent kein Beleg für eine Verdienstungerechtigkeit ist, so weist sie doch darauf hin, dass Frauen – aus unterschiedlichsten Gründen – über weniger selbst erwirtschaftetes Geld verfügen als Männer. Ob dies per se ungerecht ist, wäre noch zu klären. Häufig ist jedoch zu beobachten, dass Frauen diese geringere Verfügbarkeit von Geld in Ehe und Partnerschaft in eine schwächere Position bringt. Das wirkt besonders innerhalb einer Gesellschaft, welche stark vom Slogan ‚Geld regiert die Welt‘ geprägt zu sein scheint. Da stoßen nette Hinweise wie: ‚Schatz, im Grunde ist das von mir erwirtschafte Einkommen doch unser Geld‘ – besonders in konfliktartigen Situationen – schnell an klare Grenzen.


Aber diese geringere Verfügbarkeit von Geld in den Händen von Frauen – oder auch manchen Männern – ist ja nicht die Folge eines Naturgesetzes. Denn im Gegensatz zu den aktuellen Geschehnissen zwischen Starkregen, Hitzewellen, Luftverschmutzung und Orkanstürmen können zum Beispiel alle in Partnerschaft und Ehe lebenden Menschen in gutem klimatischen Miteinander eigene Regelungen schaffen, um die erarbeiteten Lohnbezüge gerecht untereinander zu verteilen.


Ein Best-Praxisbeispiel durch ein persönlich vereinbartes Einkommens-Splitting

Das hier beschriebene Modell entstand vor circa 20 Jahren, als ein junges Paar – sie noch im Studium mit kleinem Nebenjob, er Projekt-Ingenieur in Vollzeitstelle – zu mir in die Paartherapie kamen, weil sie bemerkten, dass sie die geplante Hochzeit immer weiter nach hinten verschoben. Innerhalb der Paarberatung suchten wir nach Gründen. Dabei wurde offenbar, dass sie sich bei einer so ungleichen Einkommenssituation nicht als gleichwertig, sondern eher als abhängig in der Ehe empfinden würde. Als ihm damit klar wurde, um welch brisantes Phänomen es hier ging, suchten wir nach einer wirksamen Lösung.


Hier das Ergebnis: Beide zahlen ihre jeweiligen Einkünfte auf ein gemeinsames Konto. Von diesem werden dann alle Kosten für Haushalt und Wohnen inklusive der normalen Nebenkosten beglichen. Der monatliche Restbetrag wird halbiert und auf das jeweilige persönliche Konto der beiden überwiesen. Von diesem werden dann alle persönlichen Ausgaben, ob für das Outfit, für Hobbys, kulturelle Veranstaltungen usw. bestritten. So wird täglich neu Gleichwertigkeit erfahrbar. Dann sitzen sich zum Beispiel bei der Urlaubsplanung zwei finanziell Gleichberechtigte gegenüber, was starke Auswirkungen auf den Entscheidungsprozess hat. Auch wird so die Restaurant- oder Konzert-Einladung des Partners/der Partnerin wirklich eine Einladung. Ergänzend braucht er sich bei ihrem Kleidungs-Shopping keine Sorgen um den Einsatz der Scheckkarte machen. Und wenn dann trotz guten Wollens eine Situation entsteht, in welcher das Wort Trennung im Raum zu schweben scheint, gibt es auf keinen Fall ein – meist unwürdiges – Gezeter um vorhandene oder plötzlich verschwundene, aber innerhalb einer Zugewinn-Gemeinschaft juristisch gemeinsame Geldbestände.


Falls Einzelne annehmen sollten, das wäre doch recht kompliziert: Seit vielen Jahren trage ich dieses durch Achtsamkeit und gegenseitige Wertschätzung geprägte finanzielle Regelungs-Modell an Paare heran. Viele haben es nach kurzer Zeit im alltäglichen Umgang als sehr gerecht und stabilisierend empfunden und aktiv praktiziert. Eine Besonderheit: Niemand braucht auf ‚saubere oder unsaubere‘ Prozent-Zahlen bzw. Veränderungs-Appelle bei Weltfrauentagen zu schauen, sondern kann schon morgen dieses Modell umsetzen. Wichtig ist, dass die Initiative zur Umsetzung dieses Modells in den Paar-Alltag vom Einkommensstärkeren ausgehen sollte.

Und aufgrund der täglich zu machenden Beobachtung, dass die ‚Vergesslichkeit‘ zu vieler Menschen grenzenlos zu sein scheint, könnte/sollte diese Vereinbarung zur gegenseitigen Bekräftigung bzw. Absicherung auch beim Notar erfolgen. Und wenn der Staat dann jenen Paaren, die sich für einen solchen Einnahmen-Splitting-Vertrag entschieden haben, einen Steuervorteil einräumt, wäre dies auch ein Anreiz für ‚verharrende‘ Männer. Gleichzeitig würde eine solche politische Entscheidung ein Riesenschritt zur gleichberechtigten Entlohnung sein.


Selbstbestimmung von der Basis – in gegenseitiger Wertschätzung und Achtsamkeit

Das Ziel des Weltfrauentages ist, so eine recht gängige Beschreibung, sich für „die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern im Erwerbsleben, in der Wirtschaft, in Gesellschaft und Politik“ möglichst wirkungsvoll einzubringen. Eigenwillige Zahlen-Tricks schaden diesem Ziel. Wenn nun die Mehrzahl der Männer durch ihr Handeln verdeutlicht, dass sie sich gemeinsam mit Frauen als gleichwertig Beteiligte – ob als Ehe- oder Lebens-Partnerinnen, Kolleginnen, Freundinnen oder aus ihrem nahen Umfeld – bei der Gestaltung eines guten gesellschaftlichen Miteinanders engagieren, dann wurde die Weltfrauentags-Kernbotschaft verstanden und umgesetzt.










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