Kinderreiche und Alleinerziehende: Erfahrungen von unüblichen Haushalten in Corona-Zeiten




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Von Rocco Thiede

„Die Hefe muss zurück ins Regal. Auch vom Brot, den Nudeln, der frischen Milch und Mehl gibt’s nur zwei Packungen“, sagt die Kassiererin beim Zahlen im Discounter. In der Schlange hinter uns raunt einer „Hamster“. Dabei machen wir nur einen normalen Einkauf für uns und die vier Kinder. Gottlob sind die älteren Geschwister nicht mehr im Haus, weil sie in einer WG in Kreuzberg wohnen oder noch im Ausland sind.


Vermutlich müssten wir als Kinderreiche schon hungern. Mindestens aber rationieren, denn viele Lebensmittel gibt es nur noch auf Zuteilung. „Maximal eine Verpackung“ oder „Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen“ steht hier und dort schon an den Regalen. Aber wer definiert „haushaltsüblich“? Eine Familie mit fünf Kindern ist in Deutschland garantiert „haushaltsunüblich“.


Wenn in einigen Familien die mittlerweile erwachsenen Studenten - nicht unbedingt freiwillig - „all-inklusive“ bei den Eltern genießen, dann kann es bei Großfamilien schon mal zu Engpässen bei der Verköstigung kommen. Viele Studiosi oder Pennäler haben ihren Job in Kneipen oder Kleidungsgeschäften eingebüßt. Kurzarbeitergeld bekommen sie nicht. Wer kein BAFÖG hat, muss sparen. Zuhause ist das Kinderzimmer noch frei und zur Not teilt man es sich wieder mit der kleinen, noch schulpflichtigen Schwester.


Das mag bei Durchschnittsfamilien (1,3 Kinder laut Statistischen Bundesamt), also dort wo es ein oder maximal zwei Kinder in Ausbildung gibt, noch gehen. Aber was machen die Kinderreichen?


„Corona-Familienkarte“ hilft beim Einkaufen


„Immer mehr Eltern von Mehrkindfamilien stoßen bei ihren notwendigen Einkäufen auf Unverständnis, Misstrauen und sogar direkte Aggression“, schildert Dr. Elisabeth Müller, Bundesvorsitzende des Verbandes kinderreicher Familien Deutschland e.V. (KRFD), die Rückmeldungen vieler kinderreicher Familien. Im Supermarkt sollen sie nachweisen, wie viele Kinder zu versorgen sind. Oft werden ihre Aussagen bezweifelt. Bewährt hat sich sowohl in Thüringen als auch in NRW eine sogenannte „Mehrkindfamilienkarte“, auf der alle zur Familie gehörenden Kinder verzeichnet sind. Der KRFD schlägt die Einführung einer solchen Karte in allen Bundesländern vor. „Die aktuelle Situation verdeutlicht den Druck, der auf Familien lastet“, sagt Elisabeth Müller und verweist auf die massive Erleichterung, die eine solche Karte den Familien bringen könnte. Der Verband kinderreicher Familien Deutschland e.V. vertritt 1,4 Millionen kinderreicher Familien in Deutschland und setzt sich seit 2011 in Politik, Wirtschaft und Medien für ihre Interessen ein. Als Netzwerk von Mehrkindfamilien ging er aus der Initiative engagierter kinderreicher Familien hervor.


Das üblicherweise in Schule oder KiTa eingenommene Mittagessen fällt derzeit weg. Kochen und „Einkaufen XXL“ beanspruchen Zeit. Seit die Schulen und KiTas komplett geschlossen sind, heißt es für große Familien, alle Kinder dreimal täglich mit einer Mahlzeit zu versorgen. Wenn eine Familie fünf Kinder hat, dann braucht sie mehrere Kilo Nudeln und viele Tomaten für eine Mahlzeit. „Was bei anderen ein Vorratskauf ist, ist für Mehrkindfamilien ein normaler Wochenendeinkauf“, fasst Elisabeth Müller, selbst Mutter von fünf Kindern, zusammen.


Mit der kostenlosen „Corona-Familienkarte“ können KRFD-Mitgliedsfamilien an der Supermarkt-Kasse nachweisen, wie viele Familienmitglieder sie sind. Der KRFD reagierte damit auf zahlreiche Erlebnisberichte von Familien in Supermärkten, denen erhöhter Bedarf an Lebensmitteln und die Kinderzahl nicht geglaubt wurde. „Die Corona-Familienkarte wurde schon über 1500 Mal angefordert. Doch sie ist leider keine Garantie, dass der Supermarkt kooperativ und verständnisvoll reagiert. Es ist ein erster Schritt und die Familien haben einen Nachweis“, erklärt Elisabeth Müller. Ihr Verband hat zudem alle großen Lebensmittel-Discounter angeschrieben und auf die Lage von Großfamilien hingewiesen.


Betreuungsprobleme bei Alleinerziehenden


Eine andere familiäre Gruppe mit besonderen Corona-Krisen-Problemen sind die Alleinerziehenden. „Keine Kinderbetreuung zu haben, ist für Alleinerziehende ein Notfall“, erklärt Daniela Jaspers, Bundesvorsitzende des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) in Berlin. Der VAMV vertritt seit 1967 die Interessen der mittlerweile 2,6 Millionen Alleinerziehenden in Deutschland. Er tritt für eine verantwortungsvolle gemeinsame Elternschaft auch nach Trennung und Scheidung ein.


Die Kita- und Schulschließungen durch die Corona Pandemie sind für Alleinerziehende existenzbedrohend. Auch die Großeltern fallen in der Regel aus, da sie zu den Risikogruppen gehören. „Die plötzliche Fragmentierung unserer sozialen Beziehungen durch das Kontaktverbot trifft Trennungsfamilien mit besonderer Härte. Videoplattformen und Telefon können vielleicht kurzfristig hilfreich sein. Auch Paarfamilien werden in dieser Situation spüren, wie sehr der Verlust sozialer Begegnungsmöglichkeiten verunsichert und schmerzt“, erklärt Prof. Dr. Matthias Franz, Direktor des Klinischen Instituts für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums in Düsseldorf.


Daniela Jaspers vom VAMV stellt klar: „Anders als Paarfamilien können Alleinerziehende nicht zu zweit jonglieren, um fehlende Betreuung auszugleichen. Niemand weiß, wie lange diese Ausnahmesituation anhält - Urlaub zu nehmen ist deshalb keine Lösung. Dieser ist sowieso schon kürzer als die regulären Ferien der Kinder. So manche Alleinerziehende treibt nicht nur die Sorge um die Gesundheit um, sondern auch Existenzangst. Denn für unbezahlte Freistellungen fehlt vielen der Sparstrumpf.“


Petition gestartet: Bisher fast 42 000 Unterzeichner


Die Alleinerziehenden brauchen Hilfe, um Betreuungsprobleme während der Corona Krise Situation lösen zu können. „Wir fordern, die Notfallbetreuungen für Alleinerziehende unabhängig von ihrem Beruf zu öffnen“, so Jaspers. „Arbeitgeber rufen wir dazu auf, Alleinerziehende bezahlt frei zu stellen, wenn es keine andere Möglichkeit der Kinderbetreuung gibt. Wir regen hierfür staatliche Hilfen für kleine Betriebe an verbunden mit der Verpflichtung, Eltern in Not durch bezahlte Freistellungen zu helfen.“ Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, hat der VAMV eine Petition gestartet und fordert Maßnahmen, von denen berufstätige Alleinerziehende profitieren. Abrufen kann man diese unter dem Link:https://weact.campact.de/petitions/berufstatige-alleinerziehende-in-der-corona-krise-nicht-vergessen „Unsere Petition haben bisher über 41.700 Menschen unterzeichnet“, gibt Simone Beise vom Bundesverband alleinerziehender Mütter und Väter bekannt.


Corona-Sozialschutz-Paket der Bundesregierung ist nur ein Trostpflaster für Alleinerziehende


Das Corona-Sozialschutz-Paket der Bundesregierung bezeichnet der VAMV als „ein Trostpflaster für Alleinerziehende“ und zeigt sich enttäuscht, dass Einkommenseinbußen für Alleinerziehende nicht vollständig mit einer Lohnfortzahlung abgefedert werden. „Die geplante Entschädigung für Verdienstausfälle hilft berufstätigen Alleinerziehenden angesichts geschlossener Kitas und Schulen etwas über die kommenden sechs Wochen“, erklärt Daniela Jaspers. „Bei vielen Alleinerziehenden klafft aber trotz dieser Leistung von 67 Prozent des Nettolohns eine Lücke im Budget. Denn Alleinerziehende und ihre Kinder leben schon jetzt häufig von kleinen Einkommen. 42 Prozent sind sogar armutsgefährdet. Da wird jeder Cent fürs Notwendigste gebraucht. Viele Einelternfamilien fürchten deshalb weiterhin, in absehbarer Zeit mit Grundsicherungsleistungen am untersten Existenzminimum zu leben. Denn für den „Notfall-Kinderzuschlag“ brauchen Alleinerziehende ein eigenes Einkommen, zur Arbeit gehen können sie aber nur, wenn eine Kinderbetreuung zur Verfügung steht.“


Homeschooling bei vielen Kinder problematisch


Ein gemeinsames Problem von Kinderreichen und Alleinerziehenden kann das „Homeschooling“ werden. Das normale „Elternwissen" bei Chemie, Biologie, Geschichte reicht oft nicht aus. Und nun sollen bei zwei oder gar vier, fünf und sechs Kindern in verschiedenen Fächern, Klassenstufen und Schultypen parallel unterrichtet werden. Was in den unteren Klassen der Grundschule eventuell noch zu meistern ist, kann in den oberen Klassen schon mal große Probleme verursachen. Die professionelle Atmosphäre einer Schule kann zu Hause nicht hergestellt werden. Und wer kann es sich leisten fünf Laptops anzuschaffen und diese parallel zu betreiben? Mit dem Projekt „Schule zuhause“! will der Verband von Elisabeth Müller auch hier aktiv helfen. „Wir haben uns gedacht: Wo, wenn nicht in Mehrkindfamilien gibt es so viele erfahrene SchülerInnen oder schon große Kinder, StudentInnen, Lehrer-Eltern, Spezialisten oder pensionierte Fachleute? Warum bringen wir die nicht zusammen? Schwarmintelligenz müsste doch unser Spezialgebiet sein. Wir wollen es mit Lernpatenschaften probieren!“.


„Viele Hamster fressen mehr!“


Alleinerziehende und Familien mit vielen Kindern sind Kummer und soziale Kälte gewohnt. Die Coronapandemie zeigt einmal mehr, daß sie auf sich selbst gestellt sind und Lösungen suchen müssen. Über Jahrzehnte waren unsere Einkaufswagen schon immer voller, als die der anderen. Wer drei, vier, fünf oder mehr Kinder zu versorgen hat, muss mehr Lebensmittel kaufen – und übrigens auch mehr Mehrwertsteuer zahlen. „Viele Hamster fressen mehr!“, rief unsere Abiturientin dem Rauner an der Kasse zu. Doch ein Hinweis auf die Familiengröße half an der Supermarktkasse nichts. „Vorschrift ist Vorschrift“. Immerhin war die Kassiererin so nett und gab leise den Tipp, sich erneut mit der Hefe, dem Brot, den Nudeln, der Milch und dem Mehl anzustellen – „nur nicht an meiner Kasse“. Wir vermuteten auf dem Weg nach Hause, sie hat ein Herz für kleine Hamster in Großfamilien …


Der Autor ist Vater von sechs Kindern. Von Rocco Thiede erschienen mehrere Sachbücher zum Thema Familie in verschiedenen Verlagen (u.a. „Kinderglück: Leben in großen Familien“ oder „Die Generationsbrücke: Wie das Miteinander von Alt und Jung gelingt“ bei Herder).

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