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Kentler-Experiment: Sexueller Missbrauch statt Fürsorge

Netzwerke des Missbrauchs: Nach neuen Erkenntnissen zu Helmut Kentlers Wirken muss die Geschichte der Reformpädagogik neu geschrieben werden


Der Artikel ist dem Magazin "Die Tagespost" vom 06.03.2024 entnommen.

Autor: Stefan Fuchs


Die Geschichte der Reformpädagogik muss neu geschrieben werden als die Geschichte einer „pädophilen Nebenrepublik“, in der mächtige Strippenzieher in der Kinder- und Jugendhilfe ihr pädagogisches Renommee benutzten, um Jungen sexuell zu missbrauchen. Zu dieser Erkenntnis kommt der am Freitag in Berlin vorgestellte Bericht zu „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe“.


Ausgangspunkt der Studie eines sechsköpfigen Teams der Universität Hildesheim war die als „Kentler-Experiment“ gewordene Praxis der Unterbringung von Jungen bei pädophilen Pflegevätern. Helmut Kentler hatte sie als Direktor des Pädagogischen Zentrums in Berlin in den 1970er Jahren initiiert und über Jahrzehnte betreut. Die letzte Pflegestelle wurde erst 2003 aufgelöst. Kentler selbst verkaufte sein „Experiment“ als pädagogischen Erfolg, unter anderem 1988 in einem internen Bericht für die damalige Jugendsenatorin Schmalz-Jacobsen (FDP).


Bisherige Aufarbeitung ließ wichtige Fragen offen

Erst lange nach Kentlers Tod 2008 wurde dieser Missbrauch in staatlicher Verantwortung nach und nach aufgedeckt. Die Opfer des Missbrauchs in der berüchtigten Pflegestelle Fritz H. kämpften jahrelang hart um eine Anerkennung ihres Leids durch den Berliner Senat, der ihnen 2021 eine Entschädigung gewährte.


Die bisherigen Forschungen zur Aufarbeitung ließen wichtige Fragen offen, insbesondere nach den Mitwissern und Mittätern Kentlers. Die für den Ergebnisbericht ausgewerteten Akten und Zeitzeugenbefragungen zeigen nun: Kentler war Teil eines Netzwerks in der Reformpädagogik, dessen Akteure die damalige Heimreform für pädophile Zwecke nutzten. Als Täter namentlich genannt werden Helmut Kentler, Gerold Becker und Herbert E. Colla. Als „Pflegeväter“ konnten sie Jungen missbrauchen, die das Landesjugendamt West-Berlin ihnen in ihrer Funktion als „Sonderpflegestelle“ zugewiesen hatte.


Dass Gerold Becker als Leiter der Odenwaldschule ein notorischer Täter war, der Dutzende Jungen missbrauchte, ist seit langem bekannt. Dass er in zumindest einem Fall dafür auch die Verbindung nach Berlin und zu Helmut Kentler nutzte, zeigt, wie dicht verwoben das reformpädagogisch-pädophile Netzwerk war. Dass Helmut Kentler nicht nur Missbrauchstäter schützte, sondern auch seine eigenen Pflegesöhne missbrauchte, enthüllte 2021 Teresa Nentwig in ihrer Kentler-Biografie. Dem Ergebnisbericht zufolge waren bei Kentler neben seinen drei Adoptivsöhnen weitere Jugendliche untergebracht, die aus der Strafanstalt Plötzensee kamen. Einer der Betroffener berichtete von massiven sexuellen Übergriffen Kentlers. 


Die eigenen Pflegekinder vernachlässigt und missbraucht

Besonders brisant und neu an der Studie sind die Erkenntnisse zu Herbert E. Colla, der bis 2009 Professor für Sozialpädagogik in Lüneburg war. Colla war ein europaweit anerkannter Experte für Pflegekinderhilfe und Heimerziehung. In seinen Schriften kritisierte er an der bestehenden Heimerziehung, dass sie die „Rechte der Kinder“ zu wenig berücksichtige. Seine eigenen Pflegekinder hat Colla vernachlässigt und missbraucht, wie ein Betroffener berichtete. Diesbezügliche Beschwerdebriefe an das Jugendamt blieben ohne Reaktion.


Nachdem er in einer Kommode kinderpornographisches Material gefunden hatte, nutzte dies der Betroffene, um Colla zu erpressen. Er wollte auf einer Insel in einer Pizzeria arbeiten und forderte von Colla, dies gegenüber dem Jugendamt zu unterstützen. Die Erpressung funktionierte, das Jugendamt willigte ein, obwohl der Betroffene erst 16 Jahre alt war, keine Ausbildung und keinen festen Wohnsitz hatte. Das Versagen der Jugendhilfe zeigt sich im Fall Colla ebenso wie die Abgründigkeit des reformpädagogischen „Eros“.


Konsequente Missbrauchsverharmlosung

Für die Heimaufsicht in Berlin war in den 1970er Jahren der Reformpädagoge Martin Bonhoeffer zuständig, den Kentler selbst nach Berlin geholt hatte. Kentler, Bonhoeffer, Becker und praktisch alle Akteure des Netzwerks kannten sich aus dem Pädagogischen Seminar in Göttingen, dass als „Think Tank der Bildungs- und Heimerziehungsreform galt. Bonhoeffer wurde in der Pressekonferenz zu einer Reihe von „Bystandern“ gezählt, die „sexualisierte Übergriffe“ gedeckt hätten. Zitiert wird eine vieldeutige Aussage Hartmut von Hentigs über Bonhoeffer: „Der Verlässliche schweigt“.

 

Auch Hartmut von Hentig hat lange geschwiegen zu den Missbrauchstaten seines Lebenspartners Gerold Becker. Nachdem der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule nicht mehr zu leugnen war, hat er Becker noch verteidigt und den Opfern Vorwürfe gemacht. Sein früheres Ansehen als Doyen der Reformpädagogik hat Hentig so eingebüßt. Angesichts der neuen Erkenntnisse zu Kentlers Netzwerk erscheint Hentigs Missbrauchsverharmlosung allerdings nur konsequent. Denn das „pädagogische Eros“ führender Reformpädagogen zielte nicht auf eine fürsorgliche, „platonische“ Beziehung von Erzieher und Kind, sondern auf sexuellen Missbrauch.




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